3-Monats-Koliken: Wenn Ihr Baby viel schreit
Für Ihre Beratung
Dieser Ratgeber richtet sich direkt an Eltern und andere Bezugspersonen von Säuglingen, die häufig oder langanhaltend schreien. Er erklärt verständlich, was hinter den sogenannten 3-Monats-Koliken stecken kann, warum Bauchschmerzen oder Blähungen in der Regel nicht die Ursache sind und was Eltern im Alltag tun können. Darüber hinaus zeigt der Ratgeber, welche Unterstützung die Apotheke bei begleitenden Beschwerden bieten kann, wann kinderärztlicher Rat wichtig ist und wo Familien weitere Hilfe finden. Damit eignet er sich als Ergänzung zur persönlichen Beratung in der Apotheke und kann betroffenen Eltern als verlässliche Orientierung für zu Hause mitgegeben werden.
Wenn ein Baby immer wieder lange und scheinbar untröstlich schreit, kann das für Eltern sehr belastend sein. Vielleicht haben Sie schon vieles versucht, um Ihr Baby zu beruhigen – doch trotz Stillen oder Füttern, Tragen und Nähe findet es nur schwer zur Ruhe. Gerade wenn sich solche Phasen wiederholen, machen sich viele Eltern Sorgen, dass ihrem Baby etwas fehlt oder es Schmerzen hat.
Häufig ist in diesem Zusammenhang von 3-Monats-Koliken die Rede. Der Begriff ist nach wie vor gebräuchlich, kann jedoch einen falschen Eindruck vermitteln: Hinter dem ausgeprägten Schreien stecken in der Regel keine Bauchschmerzen oder Darmkrämpfe. Bei ausgeprägtem, anhaltendem Schreien sprechen Fachleute auch von exzessivem Schreien.

Warum schreien manche Babys besonders viel?
Schreien gehört zur normalen Entwicklung und ist in den ersten Lebensmonaten eine wichtige Möglichkeit für Ihr Baby, sich mitzuteilen. Es kann damit beispielsweise zeigen, dass es Hunger hat, müde ist, Nähe benötigt oder sich unwohl fühlt.
Gleichzeitig muss Ihr Baby erst lernen, mit den vielen Eindrücken seiner Umgebung umzugehen. Geräusche, Licht, Berührungen und andere Reize müssen verarbeitet werden. Auch ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus entwickelt sich erst nach und nach.
Manchen Babys fällt diese Regulation schwerer als anderen. Sie reagieren möglicherweise empfindlicher auf Reize, finden schwerer in den Schlaf oder benötigen mehr Unterstützung, um nach einer Phase der Unruhe wieder zur Ruhe zu kommen. Auch das individuelle Temperament kann eine Rolle spielen.
Treten zusätzlich Schwierigkeiten beim Schlafen oder Füttern auf, können diese Teil einer frühkindlichen Regulationsstörung sein. Bei anhaltendem oder besonders ausgeprägtem Schreien ist eine kinderärztliche Beurteilung sinnvoll, um körperliche Ursachen auszuschließen.
Sind Blähungen die Ursache?
Dass Eltern zunächst an Bauchweh denken, ist verständlich: Während der Schreiphasen ziehen viele Babys die Beine an, spannen sich an oder haben einen geblähten Bauch. Auch wenn ein Baby häufig nach dem Stillen oder Füttern unruhig wird, liegt die Vermutung nahe, dass die Verdauung dahintersteckt.
Diese Beobachtungen allein lassen jedoch nicht erkennen, ob Bauchbeschwerden die Ursache des Schreiens sind. Babys schlucken sowohl beim Trinken als auch beim intensiven Schreien Luft. Dadurch können Blähungen entstehen und das Baby zusätzlich beeinträchtigen. Sie können das Schreien also begleiten, ohne die zugrunde liegende Regulationsproblematik zu erklären.
Bei Blähungen und gasbedingten Bauchbeschwerden können Wärme oder eine sanfte Bauchmassage wohltuend sein. Auch der entschäumende Wirkstoff Simeticon kommt infrage. Ihre Apotheke kann Sie dazu beraten, welches Präparat für Ihr Baby geeignet ist und was bei der Anwendung zu beachten ist.
Halten die Bauchbeschwerden an, sind sie stark ausgeprägt oder treten weitere Auffälligkeiten hinzu, sollten Sie kinderärztlichen Rat einholen.
Wann ist Schreien nicht mehr nur „normales“ Babyschreien?
Früher wurde exzessives Schreien häufig anhand der sogenannten Dreierregel nach Wessel beschrieben: Das Baby schreit oder quengelt mehr als drei Stunden am Tag, an mehr als drei Tagen pro Woche und über einen Zeitraum von mehr als drei Wochen.
Heute sind solche festen Zeitgrenzen weniger entscheidend. Berücksichtigt werden auch die Häufigkeit und Intensität der Schreiphasen, wie schwer sich das Baby beruhigen lässt, ob weitere Regulationsprobleme beispielsweise beim Schlafen oder Füttern bestehen und wie stark Kind und Familie belastet sind.
Typisch sind wiederkehrende längere Schreiphasen, für die sich kein eindeutiger Anlass erkennen lässt und in denen sich das Baby nur schwer beruhigen lässt. Häufig treten sie am späten Nachmittag oder Abend auf.
Wie lange halten die Beschwerden an?
Auch wenn die Bezeichnung 3-Monats-Koliken etwas anderes vermuten lässt: Die Beschwerden dauern nicht zwangsläufig drei Monate und verschwinden auch nicht bei jedem Kind genau mit dem Ende des dritten Lebensmonats.
Bei vielen Babys nimmt die tägliche Schreidauer in den ersten Lebenswochen zunächst zu. Einen Höhepunkt erreicht sie häufig etwa um die sechste Lebenswoche. Danach werden die Schreiphasen in der Regel allmählich kürzer und seltener.
Auch wenn diese Zeit für Sie sehr anstrengend sein kann, entwickelt sich Ihr Baby Tag für Tag weiter. Mit jedem Entwicklungsschritt gelingt es ihm besser, zur Ruhe zu finden – und auch für Sie als Familie wird der Alltag wieder leichter.
Was können Sie tun, wenn Ihr Baby viel schreit?
Wenn Ihr Baby schreit, kann ein konkretes Bedürfnis dahinterstecken – manchmal ist es aber auch einfach müde, überreizt oder findet nur schwer zur Ruhe. Schauen Sie zunächst, was Ihr Baby gerade brauchen könnte: Hat es Hunger? Ist die Windel voll? Ist ihm zu warm oder zu kalt? Braucht es Ruhe oder Ihre Nähe?
Ist Ihr Baby versorgt, können Ruhe und möglichst regelmäßige Abläufe hilfreich sein. Achten Sie auf erste Müdigkeitszeichen und ermöglichen Sie Ihrem Kind ausreichend Schlaf. Eine ruhige Tagesgestaltung kann Ihr Baby dabei unterstützen, einen Schlaf-Wach-Rhythmus zu entwickeln. Wache und aufmerksame Phasen können Sie für ruhigen Kontakt und gemeinsames Spielen nutzen.
Während einer Schreiphase können Sie Ihr Baby auf den Arm nehmen, ruhig mit ihm sprechen, es tragen oder sanft wiegen. Manche Babys kommen leichter zur Ruhe, wenn Licht, Geräusche und andere Reize reduziert werden.
Versuchen Sie, Ihrem Baby etwas Zeit zu geben, auf eine Beruhigungsmethode zu reagieren, und wechseln Sie nicht zu schnell zwischen verschiedenen Möglichkeiten. Zu viele unterschiedliche Reize in kurzer Folge können zusätzlich überfordern.
Manchmal gelingt es trotz allem nicht, das Schreien zu beenden. Das bedeutet nicht, dass Sie etwas falsch machen. Ihre Nähe und ruhige Begleitung können Ihrem Baby auch dann Sicherheit geben.
Auf das sogenannte Pucken sollten Sie bei exzessivem Schreien verzichten. Dabei wird das Baby fest mit Decken, Schlafsäcken oder anderen Umhüllungen gewickelt. Fachleute raten von dieser Methode ab und sehen insbesondere die teilweise feste Fixierung der Arme und Beine kritisch.
Muss die Ernährung verändert werden?
Wenn Ihr Baby nach dem Stillen oder Füttern häufig unruhig ist, fragen Sie sich vielleicht, ob die Ernährung eine Rolle spielt. Allein aufgrund häufiger Schreiphasen sollte die Ernährung Ihres Babys jedoch nicht verändert werden.
Wenn Sie den Eindruck haben, dass die Beschwerden mit der Ernährung zusammenhängen, oder wenn weitere Auffälligkeiten auftreten, sprechen Sie mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt. Gemeinsam kann geklärt werden, ob eine Veränderung der Ernährung sinnvoll ist.
Wann sollten Sie kinderärztlichen Rat einholen?
Häufiges Schreien kann in den ersten Lebensmonaten auftreten, sollte aber nicht automatisch als 3-Monats-Kolik eingeordnet werden. Insbesondere wenn sich das Verhalten Ihres Babys plötzlich verändert oder weitere Krankheitszeichen hinzukommen, kann eine andere Ursache dahinterstehen.
Bitte holen Sie kinderärztlichen Rat ein, wenn Ihr Baby beispielsweise
- deutlich weniger trinkt oder die Windel ungewöhnlich lange trocken bleibt,
- wiederholt erbricht,
- auffällig schläfrig oder teilnahmslos wirkt,
- Schwierigkeiten beim Atmen hat,
- Blut im Stuhl hat oder
- plötzlich anders als sonst oder ungewöhnlich schrill schreit.
Bei einem Baby unter drei Monaten sollte außerdem eine rektal gemessene Körpertemperatur von 38,0 °C oder mehr immer ärztlich abgeklärt werden.
Wichtig
Auch unabhängig von einzelnen Warnzeichen gilt: Wenn Ihnen das Verhalten Ihres Babys ungewöhnlich vorkommt oder Sie sich Sorgen machen, holen Sie bitte kinderärztlichen Rat ein.
Wenn das Schreien Sie an Ihre Grenzen bringt
Langanhaltendes Schreien kann körperlich und emotional sehr belastend sein, besonders wenn Sie selbst wenig schlafen und sich Ihr Baby trotz aller Versuche nicht beruhigen lässt. Versuchen Sie deshalb nicht, diese Situation dauerhaft allein zu bewältigen. Wenn möglich, wechseln Sie sich mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin ab oder bitten Sie Angehörige oder andere vertraute Personen um Entlastung.
Merken Sie während einer Schreiphase, dass Ihre Anspannung immer größer wird und Sie die Kontrolle verlieren könnten, legen Sie Ihr Baby sicher in sein Bettchen. Es ist dann in Ordnung und wichtig, den Raum für einen kurzen Moment zu verlassen und sich zunächst selbst zu beruhigen. Holen Sie sich möglichst Unterstützung von einer vertrauten Person.
Wichtig
Bitte schütteln Sie Ihr Baby niemals
So groß die Anspannung auch sein mag: Schütteln Sie Ihr Baby niemals. Der Kopf eines Säuglings ist im Verhältnis zum Körper schwer, während die Nackenmuskulatur noch schwach ausgeprägt ist. Schon kurzes heftiges Schütteln kann schwere, lebensbedrohliche Verletzungen verursachen.
Unterstützung für Sie und Ihr Baby
Wenn Ihr Baby sehr viel schreit, kann das den Familienalltag erheblich belasten. Vielleicht fragen Sie sich, warum es nicht zur Ruhe kommt und was Sie noch tun können.
Bei vielen Babys bessert sich das ausgeprägte Schreien im Laufe der ersten Lebensmonate. Bis dahin können Ruhe, möglichst regelmäßige Abläufe und eine aufmerksame Begleitung Ihres Babys hilfreich sein. Genauso wichtig ist es, auf die eigenen Kräfte zu achten und Entlastung anzunehmen.
Wenn Sie sich Sorgen um Ihr Baby machen oder merken, dass die Belastung für Sie zu groß wird, holen Sie sich Unterstützung. Ihre kinderärztliche Praxis, Ihre Hebamme oder spezialisierte Beratungsstellen und Schreiambulanzen können Sie und Ihr Baby individuell begleiten.
Darüber hinaus gibt es weitere kostenfreie Hilfsangebote:
- Schreiambulanzen und Frühe Hilfen: Spezialisierte Schreiambulanzen und Beratungsstellen unterstützen Familien, wenn ein Baby viel und lange schreit oder sich nur schwer beruhigen lässt. Über das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) können Sie nach passenden Angeboten in Ihrer Nähe suchen.
- Elterntelefon Nummer gegen Kummer: Unter 0800 111 0 550 können sich Eltern anonym und kostenlos beraten lassen.
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