Stillrheuma – Beratungswissen für PTA
Gelenk- und Muskelschmerzen können Frauen auch direkt nach der Geburt beschäftigen. Manche Betroffene berichten beispielsweise über steife oder schmerzende Hände und Finger, vor allem am Morgen, oder über Beschwerden an Knien, Hüften oder Füßen. Mitunter fällt in diesem Zusammenhang der Begriff Stillrheuma. Doch dahinter verbirgt sich keine rheumatische Erkrankung im eigentlichen Sinne.

Stillrheuma ist keine medizinische Diagnose
Der Begriff Stillrheuma wird umgangssprachlich für Gelenk- und Muskelschmerzen sowie Steifigkeit verwendet, die während der Stillzeit auftreten können. Diese Art von Gelenkbeschwerden ist jedoch nicht ausschließlich auf die Stillzeit beschränkt, sondern kann bereits während der Schwangerschaft oder später im Zuge der Wechseljahre auftreten. Ein eigenständiges rheumatisches Krankheitsbild ist das sogenannte Stillrheuma jedoch nicht. Auch mit Morbus Still, einer seltenen autoinflammatorischen Erkrankung, besteht kein Zusammenhang.
Als Erklärung für die Beschwerden wird vor allem die hormonelle Umstellung nach der Geburt und während der Stillzeit angenommen. Nach der Geburt fällt der in der Schwangerschaft erhöhte Östrogenspiegel deutlich ab. Gleichzeitig fördert Prolaktin die Milchbildung und wirkt hemmend auf FSH und LH sowie auf die Produktion von Östradiol und Progesteron in den Eierstöcken.
Der vergleichsweise niedrige Östrogenspiegel kann sich auch auf die Gelenke auswirken. Sinkt der Östrogenspiegel, kann sich auch die Menge der Gelenkflüssigkeit (Synovia) verringern, die für die Versorgung und den Schutz der Gelenke wichtig ist. Dies kann eine mögliche Erklärung für Gelenkschmerzen und Steifigkeit während der Stillzeit sein.
Zusätzlich können körperliche Veränderungen und Belastungen rund um Schwangerschaft und Babyzeit Beschwerden begünstigen. Bereits während der Schwangerschaft lockert sich das Bindegewebe; Bänder und Sehnen werden stärker beansprucht. Nach der Geburt können häufiges Tragen, eine veränderte Körperhaltung sowie ungünstige Still- oder Schlafpositionen Muskeln und Gelenke zusätzlich belasten.
Sofern die Beschwerden mit diesen Veränderungen während der Stillzeit zusammenhängen, können sie mit abnehmender Stillhäufigkeit beziehungsweise nach dem Abstillen und dem Einpendeln der Hormonlage wieder nachlassen.
Worauf es in der Beratung ankommt
Nicht alle Beschwerden, die Betroffene als Gelenkschmerzen wahrnehmen, gehen tatsächlich vom Gelenk aus. Gerade im Alltag mit einem Säugling werden Hände, Handgelenke, Schultern, Nacken und Rücken stark beansprucht. Wiederholtes Hochheben und Tragen sowie ungünstige oder über längere Zeit beibehaltene Positionen beim Stillen oder Füttern können Muskeln und Sehnen zusätzlich belasten.
In der Beratung kann es daher hilfreich sein, die Beschwerden etwas genauer einzuordnen. PTA können beispielsweise erfragen, seit wann und an welchen Stellen die Schmerzen auftreten, ob ein oder mehrere Gelenke betroffen sind und ob bestimmte Bewegungen oder Belastungen die Beschwerden verstärken. Auch sichtbare Schwellungen, Rötungen oder Überwärmung, eine ausgeprägte Morgensteifigkeit sowie ähnliche Beschwerden auf beiden Körperseiten sind wichtige Hinweise für die weitere Beratung. Besteht bereits eine rheumatische oder andere entzündliche Erkrankung, sollte dies ebenfalls berücksichtigt werden.
Die gezielten Fragen sollen dabei helfen einzuschätzen, ob zunächst Maßnahmen der Selbstmedikation infrage kommen oder ob die Beschwerden ärztlich abgeklärt werden sollten.
Nicht jedes Gelenkproblem nach der Geburt ist Stillrheuma
Gerade bei länger anhaltenden oder entzündlich wirkenden Beschwerden sollten PTA aufmerksam werden. Denn auch eine entzündlich-rheumatische Erkrankung kann hinter den Beschwerden stecken.
Bei der rheumatoiden Arthritis (RA) handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Erkrankung, bei der typischerweise periphere Gelenke symmetrisch betroffen sind. Während sich die Krankheitsaktivität in der Schwangerschaft häufig bessert, kann sie nach der Entbindung wieder zunehmen.
Aktuelle Daten aus der prospektiven GR2-Kohorte bestätigen dies: Bei Patientinnen mit RA traten innerhalb der ersten sechs Monate nach der Geburt häufiger Krankheitsschübe auf als während der Schwangerschaft. Ein Zusammenhang zwischen der Krankheitsaktivität nach der Geburt und der Dauer des Stillens zeigte sich dagegen nicht.
Für die Beratung bedeutet das: Neu auftretende oder zunehmende Gelenkbeschwerden sollten nicht vorschnell dem Stillen zugeschrieben werden.
Was PTA empfehlen können
Sind die Beschwerden leicht und bestehen keine Hinweise auf eine entzündliche oder andere behandlungsbedürftige Erkrankung, können zunächst einfache Maßnahmen zur Linderung beitragen.
Bewegung statt Schonhaltung: Gelenkschonende Bewegung sowie vorsichtige Mobilisations- und Dehnübungen können Steifigkeit entgegenwirken. Dauerhafte Schonhaltungen können dagegen zusätzliche muskuläre Beschwerden begünstigen.
Wärme nach individuellem Empfinden: Bei Verspannungen oder steifen Gelenken können Wärmekissen, warme Bäder oder andere Wärmeanwendungen als angenehm empfunden werden. Bei akut geschwollenen, geröteten oder überwärmten Gelenken sollte dagegen auf eine Selbstbehandlung mit Wärme verzichtet und die Ursache ärztlich abgeklärt werden.
Belastungen im Alltag reduzieren: Beim Stillen oder Füttern können Still- oder andere Lagerungskissen Arme, Schultern und Rücken entlasten. Auch regelmäßige Positionswechsel sind sinnvoll. Beim Hochheben und Tragen des Kindes sollte auf möglichst ergonomische Bewegungsabläufe geachtet und eine einseitige Belastung vermieden werden.
Rückbildung und Physiotherapie: Rückbildungsgymnastik kann Beckenboden und Rumpfmuskulatur stärken und die körperliche Stabilisierung nach der Schwangerschaft unterstützen. Bei anhaltenden Beschwerden, Fehlhaltungen oder ausgeprägten muskulären Problemen kann eine gezielte physiotherapeutische Behandlung sinnvoll sein.
Analgetika passend zur Stillzeit auswählen: Reichen nicht-medikamentöse Maßnahmen nicht aus, kommen bei Bedarf stillverträgliche Analgetika infrage. Ibuprofen und Paracetamol gehören zu den Analgetika der Wahl in der Stillzeit. Ibuprofen besitzt zusätzlich eine antiphlogistische Wirkung. Wie bei jeder Selbstmedikation sind individuelle Kontraindikationen, mögliche Wechselwirkungen, Dosierung und Anwendungsdauer zu berücksichtigen. Besteht über mehrere Tage regelmäßig Bedarf an Schmerzmitteln oder nehmen die Beschwerden zu, sollte die Ursache ärztlich abgeklärt werden.
Stillen bitte nicht infrage stellen: Stillen bietet zahlreiche gesundheitliche Vorteile für Mutter und Kind und sollte aufgrund von Gelenkbeschwerden nicht vorschnell beendet werden. Gelenkbeschwerden allein sind kein Grund abzustillen. Auch eine notwendige medikamentöse Behandlung bedeutet nicht automatisch, dass das Stillen beendet werden muss. Für viele Beschwerden stehen stillverträgliche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Bei Unsicherheiten kann die Verträglichkeit einzelner Arzneimittel in der Stillzeit gezielt geprüft werden.
Wann sollte ärztlich abgeklärt werden?
Nicht jede Gelenkbeschwerde nach der Geburt eignet sich für die Selbstmedikation. Eine ärztliche Abklärung ist insbesondere sinnvoll bei
- geschwollenen, geröteten oder überwärmten Gelenken,
- ausgeprägter oder länger anhaltender Morgensteifigkeit,
- symmetrischen Beschwerden mehrerer Gelenke, insbesondere an Händen und Fingern,
- zunehmenden oder anhaltenden Beschwerden ohne erkennbare Besserung,
- deutlichen Bewegungseinschränkungen,
- Fieber, Hautausschlag oder ausgeprägtem Krankheitsgefühl sowie
- bereits bekannter entzündlich-rheumatischer Erkrankung und erneut auftretenden beziehungsweise zunehmenden Beschwerden.
Auch starke Schmerzen oder Beschwerden, die den Alltag und die Versorgung des Kindes erheblich beeinträchtigen, sollten unabhängig von ihrer Dauer ärztlich untersucht werden.
Wichtig für die Beratung
Stillrheuma bezeichnet kein eigenständiges rheumatisches Krankheitsbild. Gemeint sind meist Gelenkschmerzen und Steifigkeit, die nach der Geburt beziehungsweise während der Stillzeit auftreten. PTA können Betroffene deshalb beruhigen, ohne ihre Beschwerden zu verharmlosen: Beschwerden des Bewegungsapparates können nach einer Schwangerschaft unterschiedliche Ursachen haben. Entscheidend ist, mögliche Belastungsfaktoren zu erkennen und gleichzeitig Warnzeichen für eine behandlungsbedürftige Erkrankung nicht zu übersehen.
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